
Einleitung
Ich saß mit tränennassen Wangen auf dem Sofa, starrte seit einer halben Stunde ins Leere, während ich die Leere in mir fühlte. Ich nahm sie wahr, genauso wie die Angst und die Überforderung direkt nebenan. Da waren auch leichte Spuren der Freude und Zuversicht, doch sie zeichneten bloß noch ein immer mehr verblassendes Bild in mir. Schließlich gestand ich mir ein:
Es gab gerade nichts, wo ich auftanken konnte.
Egal, was ich tat, es ließ mich in Ausgangslage zurück.
Also tat ich immer weniger.
Ich sagte Treffen mit Freunden ab. Ich ging nicht zum Schreibkreis, auf den ich mich eigentlich sehr gefreut hatte. Ich setzte mich immer seltener in mein Lieblingscafé in der Südstadt. Ich schrieb weniger und wenn nur noch fürs Business. Auch meine Texte, die ich als Morgenseiten in mein Journal schrieb, fielen immer kürzer aus.
Als ich da so mit verschleiertem Blick auf dem Sofa saß, spürte ich all das, was in mir los war und ließ auch meinen Gedanken freien Lauf. Doch ich hatte das Gefühl, sie führten zu nichts. Ich wusste, dass ich meine Gefühle und mich selbst in diesem Zustand einfach da sein lassen sollte und das tat ich. Und gleichzeitig wusste ich, dass es so auch nicht weitergehen konnte.
Irgendetwas musste ich gegen diesen Trübsal in mir tun. Irgendetwas musste ich mit dem machen, was ich in mir wahrnahm. Aber was? Was ist diese eine richtige Handlung, die davon zeugt, dass ich meine eigene innere Wahrheit ernst nahm?

Was mache ich mit dem, was ich spüre?
In meinem letzten Blogartikel ging es um Wahrnehmung – die deiner Innenwelt und deines Körpers. Hier wollen wir jetzt noch einen Schritt weitergehen und uns der Frage widmen: Was mache ich eigentlich mit dem, was ich in mir wahrnehme? Wie sieht das konkret aus, meiner eigenen Wahrheit zu folgen?
Ich habe hier einmal zwei Beispiele für dich. Und wenn du noch tiefer eintauchen möchtest, kannst du dir hier meine Special-Podcastfolge dazu anhören.
Du sagst einer Verabredung zu, dabei spürst du, dass du nicht hinwillst
Hier darfst du diesen Widerstand wahrnehmen und dann tiefer gehen. Du darfst deine Wahrnehmung erforschen und verschiedene Möglichkeiten anschauen, die dem zugrunde liegen können. Und dabei gibt es nicht diese eine richtige Entscheidung. Deine Wahrnehmung ist keine Handlungszuweisung.
Ich weiß, das klingt jetzt erst einmal viel. Denn wenn es verschiedenste Handlungsmöglichkeiten gibt, woher weiß ich dann, was die eine richtige für mich ist?
Kurz gesagt: Du weißt es nicht.
Zumindest nicht so lange, bis du radikal ehrlich zu dir bist. Welches Bedürfnis zeigt sich dir gerade am stärksten? Und wie kannst du diesem Bedürfnis im Rahmen deiner Möglichkeiten nachgehen? Zum Beispiel bedeutet sich nicht zu einem Spaziergang treffen zu wollen, weil dir nach gemütlichem Zusammensitzen ist, nicht gleich, das Treffen absagen zu müssen. Dein Bedürfnis kann auch Entspannung sein, nicht kompletter Rückzug. Doch das kannst du erst herausfinden, wenn du dir einen ruhigen Ort suchst und dir Zeit nimmst, in dich hineinzufühlen und deine aktuelle Wahrheit zu erforschen.
Kommen wir zum zweiten Beispiel.

Das Verhalten deines Partners/deiner Partnerin verletzt dich, doch du spielst es herunter
Statt dich dafür zu verurteilen, kannst du versuchen, die Haltung einzunehmen: Ah, interessant. Jetzt war ich gerade nicht ganz bei mir, weil etwas mich stärker berührt hat, als ich dachte.
Dafür möchte ich dir einmal ein Bild anbieten, was diesen Zustand gut veranschaulicht.
Wir alle werden in unserem Leben verwundet – manchmal von Menschen, manchmal verletzen wir uns selbst, manchmal vom Leben und seinen unerklärlichen Verläufen.
Solche prägenden Ereignisse hinterlassen Wunden in uns und sie machen uns zu dem, wer wir heute sind. Doch nur zu einem gewissen Teil – das ist mir ganz wichtig zu sagen.
Denn sind wir uns unserer Wunden nicht bewusst, haben sie die Macht, uns durch unser Leben zu navigieren und unser Verhalten zu steuern. Dann treffen nicht wir, aus unserem verbundenen Selbst heraus die Entscheidungen, sondern diese noch offenen Wunden.
Und trotzdem geht es nicht darum, sie wegzubekommen. Heilung bedeutet nicht Vernichtung. Heilung bedeutet Integration und Integration bedeutet Heilung.
Es geht also nicht darum, diese Wunde zu verarzten, damit sie endgültig verschwinden, sondern sie zu versorgen, damit sie sich schließen kann und ein Teil von uns werden kann – ein Teil, der uns bewusst ist und somit nicht mehr das Steuer in der Hand hält. Denn was uns bewusst ist, das kann uns nicht mehr überraschen.
Diese Wunden werden also nie vollends verschwinden, sondern als Narben unter unserer Haut zurückbleiben. Und das okay, denn sie sind ein Teil von uns und dürfen das auch für immer bleiben. Vielleicht gibt es dann Situationen, die uns tief berühren, uns aufwühlen, an genau dieser Narbe. Sie bringen sie zum jucken oder pochen und wir spüren hin, nehmen das wahr. Wir begegnen dem mit wohlwollender Neugier und lassen nicht die Narbe unser Verhalten in dieser Situation bestimmen, sondern unser wahres Selbst. Gleichzeitig erkennen wir unser Betroffensein und unsere Verletzung an und begegnen uns mit Mitgefühl.
In dieser obigen Situation, die ich dir als Beispiel mitgebracht habe, kann es also sinnvoll sein, für ein paar Minuten aus diesem Geschehen herauszutreten. Du kannst deinem Partner/deiner Partnerin mitteilen, dass du kurz Zeit für dich brauchst, weil du gerade berührt bist. Du kannst dann mit ihm/ihr darüber reden, was dich verletzt hat und wenn du dich in der Lage fühlst auch darüber, woher diese Narbe stammt, auf welche Wunde sie zurückzuführen ist.
So nimmst du dich selbst ernst und öffnest dich deinem Gegenüber. Das schafft Verbundenheit – zu dir selbst und zum anderen.

Zurück zu der Frage: Was tun mit dem, was ich in mir wahrnehme?
Dir auf jeden Fall keine Gebrauchsanweisung anlegen! Vielmehr darfst du dir selbst die Möglichkeit schenken, dich immer wieder neu zu entscheiden. Dich hinzusetzen, in dich hineinzuspüren und deine Wahrnehmungen zu erforschen. Manchmal ist der nächste Schritt dann sofort klar, manchmal zeigen sich dann aber auch verschiedene Richtungen. All das darf da sein. Und du darfst ausprobieren, welche heute die deine ist. Und wenn es dann doch nicht ganz so richtig für dich war, dann war die Entscheidung nicht falsch, sondern einfach eine Erfahrung. Dann probierst du es morgen einfach erneut.
So wirst du immer besser darin, zu erkennen, was du brauchst und welche Handlungen deine Wahrheit von dir möchte.
Deine Mira
