
Journaling ist in aller Munde.
Dankbarkeitstagebuch. Reflexionsfragen. Mondrituale. Morgenseiten.
Aber was verändert sich dadurch im Alltag der Menschen?
Leider erstaunlich wenig.
Sie schreiben seit Monaten, manchmal seit Jahren. In der Zeit haben sie Erkenntnisse über Erkenntnisse gesammelt. Sie haben unzählige Notizbücher vollgeschrieben, doch ihr Alltag fühlt sich immer noch leer und viel zu schnell an. Da sind immer noch die gleichen Gedanken, die gleichen Gefühle und die gleichen Verhaltensmuster.
Das liegt nicht daran, dass Journaling per se nicht funktioniert oder Schreiben keine heilsame Kraft hat. Es liegt daran, dass etwas Entscheidendes fehlt.
Warum klassisches Journaling oft nicht langfristig wirkt

Viele Menschen nutzen das Schreiben als Reflexion. Sie schreiben lose Gedanken auf, analysieren Ereignisse und notieren brandneue Erkenntnisse. Das ist wichtig, keine Frage. Denn so lernen wir, uns selbst besser zu verstehen und zu erkennen, was wir im Leben wollen und was nicht mehr.
Und doch lässt uns diese Art des Schreibens auf der Stelle treten. Erkenntnisse allein verändern nichts. Nachhaltige Veränderung beginnt vielleicht im Kopf, aber sie findet ihre Wirkung erst im Körper.
Immer mehr Wissen über sich selbst oder das Leben anzuhäufen, bringt einen auf langer Sicht nich weiter, weil wir unseren Körper mitsamt seines Nervensystems nicht mitnehmen. Das autonome Nervensystem lernt nicht durch Gedanken, sondern durch neue Erfahrungen.
Genau hier darf die Art, zu schreiben und mit dem Geschriebenen umzugehen, verändert werden.
Wenn Schreiben alte Muster verstärkt
Über Jahre hinweg habe ich direkt nach dem Aufwachen meine Gedanken aufgeschrieben. Morgenseiten. Es tat mir gut, hat mich befreit, doch irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich ständig wiederhole. Dass ich immer das Gleiche schreibe und es immer wieder um ähnliche Themen geht. Das führte mich zu der Frage: Wie frei schreibe ich beim freien Schreiben wirklich?
Indem wir immer wieder über die gleichen Sorgen, die gleichen Geschichten und aus den gleichen Perspektiven heraus schreiben, verstärken wir die neuronalen Netzwerke in unserem Gehirn. Die bereits bestehenden Gedankenbahnen vertiefen sich also, wodurch wir unsere alten Muster verstärken.
So kann sich der Zustand, in diesem sich dein Körper befindet, nicht verändern, was konkret bedeutet: Alles bleibt wie immer. Selbst, wenn du deine Muster kennst und über sie schreibst.
Das fehlende Puzzleteil: Verkörperung
Was vielen Menschen beim Schreiben fehlt, ist die Verkörperung.
Indem wir über das schreiben, was wir denken und was wir verstehen, schreiben wir aus dem Kopf. Doch indem wir über das schreiben, was wir spüren, schreiben wir aus dem Körper. Und hierbei darf alles da sein – fernab von Sinn oder Logik, vertraut oder fremd.
Wir dürfen unseren Körper zu Wort kommen lassen, statt permanent unserem Kopf Raum zu geben. Bereits das fühlen von dem, was in dir ist, schafft eine neue Erfahrung. Und wenn das regelmäßig wiederholt wird, lösen sich alte Muster auf und eine nachhaltige, heilsame Veränderung geschieht, weil der Zustand des Nervensystems sich verändern konnte.

Wie sich dein Schreiben verändern kann
Du darfst also beginnen, dein Schreiben zu verändern, indem du deinen Körper mitnimmst. So schreibst du nicht nur über dich, sondern aus dir heraus. Es ist kein Notieren von Gedanken mehr, sondern ein Aufschreiben von Erleben. Es geht nicht mehr um Verständnis und Wissen, sondern um echten Kontakt und um die spürbare Verbindung zu dir selbst.
Den ersten Schritt, den du auf dem Weg zu einer neuen Art des Schreibens setzen kannst, ist, einen Moment innezuhalten, bevor du beginnst. Nimm dir einen Augenblick Zeit, um wahrzunehmen, was gerade in dir da ist.
Vielleicht spürst du eine Enge im Brustraum. Vielleicht ein Ziehen im Bauch. Vielleicht auch einfach nur Leere.
Genau dort darf dein Schreiben beginnen.
Du könntest zum Beispiel mit diesem Satz starten:
„In meinem Körper ist gerade…“
Und dann kannst du schauen, was von dort aus entsteht. Nicht aus dem, was du denkst, sondern aus dem, was du spürst. Du kannst zum Beispiel schreibend erforschen, ob die Enge im Brustraum eine Botschaft für dich hat. Oder vielleicht hat die Leere in dir ja eine Farbe.
Wichtig ist: Du musst hier nichts erklären, nichts analysieren oder verstehen. Du darfst wahrnehmen, spüren und beschreiben.
Und während du schreibst, bleibst du immer wieder einen kleinen Moment bei dir. Du schließt deine Augen. Nimmst deinen Atem wahr. Spürst deinen Körper.
Genau hier beginnt etwas Neues.

Vielleicht ist die Zeit des Journalings also nicht vorbei, sondern die Ausführung darf sich verändern. Es darf tiefer, gefühlvoller und verkörperter geschehen.
Schreiben kann mehr sein als Reflexion und das Beantworten von Fragen aus dem Kopf heraus. Schreiben kann Nervensystemregulation sein und damit zu der Veränderung führen, nach der wir uns schon lange sehnen. Wir wollten bloß zu lange aus dem Kopf erschaffen, was nur zusammen mit unserem Körper kreiert werden kann.
Ich wünsche dir neue, heilsame Erfahrungen beim Ausprobieren.
