Ich sitze an meinem kleinen Schreibtisch aus Holz und schaue durch das Dachfenster in den Morgenhimmel. Weiße Wattewolken wandern in gemächlichem Tempo über blau und ich blicke auf das Blatt vor mir. Ich setze den Stift an und blaue Buchstaben wandern gemächlich über weiß.
Das Haus schläft noch, doch ich habe die ruhigen Morgenstunden schon immer geliebt. Ich kroch in aller Frühe aus meinem Bett mit hellblauer Diddl-Bettwäsche und setzte mich an meinen kleinen Schreibtisch. Dann holte ich ein leeres Blatt und meinen Kugelschreiber heraus. Am liebsten schrieb ich auf einem Blankoblatt, auf dem ich die Linien mit Lineal und Bleistift zog. Doch manchmal hatte ich dazu keine Lust, weil die Gedanken in mir bereits zu rasen begannen und so hing mein Text schief auf dem Blatt. Ich störte mich nicht daran.
Und so schreibe ich auch heute, im Alter von sieben Jahren, ohne Hilfslinien auf einem weißen Blankoblatt. Ich schreibe einen Songtext über Träume und dass es sich lohnt, ihnen zu folgen und dass ich mich genau das jetzt traue. Tatsächlich war dieser Text ein Schritt auf diesen Traum zu – ich wollte Singer-Songwriterin werden.
Für mich war das Schreiben schon von Kind an mehr als ein Hobby. Es war ein Weg zu mir. Es fühlte sich für mich so an, als würde ich alle Fenster in mir öffnen, sodass die stickige Luft entweichen konnte. Wie ein kleines bisschen Orientierung, wenn ich mich im Urwald des Lebens verirrt hatte. Wie ein Rettungsring, wenn ich das Gefühl hatte, im Ozean des Lebens unterzugehen.
Und das blieb für eine sehr lange Zeit so. Das Schreiben begleitete mich durch meine Kindheit und meine Jugend. Dann kam dieser Tag mit Anfang 20, an dem ich meine Texte der Öffentlichkeit zeigte. Vorher schrieb ich nur für mich oder zeigte meinem großen Bruder und meiner Oma mal den ein oder anderen Text. Vor allem meine Oma war begeistert und ermutigte mich, mehr aus diesem Talent – wie sie es nannte – zu machen.
Heute würde ich sagen, dass das Schreiben meine wichtigste Ressource war. Es war etwas, das mich regulierte, mir Orientierung schenkte und mich immer wieder mit mir selbst verband.
Schließlich fing ich an, Textauszüge bei Instagram hochzuladen und ein Jahr später veröffentlichte ich meinen ersten Gedichtband. In diesem Sommer ging ich mit einer Pianistin auf kleine Tour durch die Region und trug meine Gedichte und Poetry-Slam-Texte vor. Ich gab Lesungen und brachte zwei weitere Bücher heraus.
Und heute? Heute schreibe ich kaum noch aus dieser tiefsten Freude heraus, mit der ich mich als Kind in aller Herrgottsfrühe an den Schreibtisch gesetzt hatte.
Vielleicht fragst du dich, woran das liegt. Ich wusste es auch lange nicht, denn ich hatte nie Buh-Rufe bekommen. Natürlich konnte nicht jeder etwas mit meinen Texten anfangen, aber das Feedback war überwiegend positiv. Und genau hier liegt der Punkt: Mein Schreiben wurde bewertet.
Die Bewertung von anderen wäre an sich nicht schlimm gewesen. Das wirklich Fatale daran war, dass ich selbst anfing, mein Schreiben zu bewerten. Ich wollte mehr Menschen erreichen, mehr Follower bei Instagram, mein Buch im Buchladen stehen sehen, einen Vertrag im Rücken haben. So schrieb ich nicht mehr für mich, sondern für die Welt dort draußen. Ich fragte nicht mehr, was ich schreiben wollte, sondern was andere hören wollten. Vor allem traute ich mich nicht mehr, mit meinen Worten die tiefsten Tiefen meines Menschseins darzulegen, denn ich hatte Angst davor, mich verletzlich zu zeigen. Ich hatte Angst davor, verletzt zu werden.
Die Texte in meinem ersten Gedichtband entstanden, als ich noch keinen Gedanken an eine Veröffentlichung verschwendet hatte. Sie sind roh, widersprüchlich, dunkel, bunt und zutiefst ehrlich. Mit diesen Texten trat ich später vor Menschen.
„Ich erkenne mich so sehr wider.“ „Total schön.“ „Du findest Worte für meine Zustände, die mir immer gefehlt haben.“ „Du hast echt Talent.“
Aber auch: „Kannst du auch mal etwas Fröhliches schreiben?“ „Da liegen mir zu viele Themen in einem Text.“ „Das ist ja schon ziemlich traurig.“ „Ich verstehe nicht ganz, worum es geht.“ „Puh, schwere Kost.“
Egal, ob gut oder schlecht, ob positiv oder negativ, Bewertung bleibt Bewertung. Und da es sich dabei um mein Innerstes handelte, machte das etwas mit mir.
Lange dachte ich, dieses Gefühl beträfe nur mein Schreiben. Bis ich bemerkte, dass es eigentlich viel größer ist. Dass wir Menschen dazu neigen, genau die Dinge, die uns einst genährt haben, irgendwann unter Leistungsdruck zu stellen.
Vielleicht kennst du es auch: Du hast etwas lange einfach aus der Freude heraus getan und plötzlich muss es produktiv sein. Du hast dich bei etwas immer vollkommen nach dir selbst gefühlt und plötzlich bist du mit deinen Gedanken bei den anderen und was sie darüber denken. Auf den Punkt gebracht: Aus Freude am Tun wurde ein Leistungsbestreben.
Vielleicht ist deine liebste Ressource auch gar nicht das Schreiben, so wie bei mir. Vielleicht ist es das Wandern, das Schwimmen, das Malen, das Kochen, das Stricken, das Joggen oder das Lesen.
Alles, wobei dein Nervensystem aufatmet und du das Gefühl hast, wieder bei dir anzukommen, ist eine Ressource. Und Ressourcen entstehen selten aus Leistung. Sie entstehen dort, wo wir ganz im Tun aufgehen. Genau deshalb nähren sie unser Nervensystem.
Jedoch sind Bewertung und Leistung eng miteinander verknüpft und das eine führt zum anderen. Dafür müssen wir uns wohl nur an unsere Schulzeit erinnern… Und wir dürfen aufpassen, unsere Ressourcen nicht mit unserem Wert zu verwechseln.
Der erste Schritt ist, sich das bewusst zu machen. Im nächsten Schritt kannst du dich fragen, wann du angefangen hast, deine Freude an einer Ressource zu verlieren und durch welche Situationen du dich und dein Erschaffen bewertet gefühlt hast.
Und dann kannst du gerne diesen Schreibimpuls für dich nutzen.
Stell dir einmal vor, niemand sieht, was du erschaffst. Du tust es nur für dich, denn in dem Raum, in dem du es erschaffst, kommt niemand anderes außer dir herein. Und du kannst deine Kreation auch nicht aus diesem Raum mit nach draußen nehmen. Alles bleibt hier.
Niemand würde also dein Tun und dein Endprodukt bewerten oder kommentieren.
Beantworte nun diese drei Fragen:
Hinter diesem Impuls steckt, deine Ressource wieder ein Stück weit vom Leistungsanspruch zu entkoppeln, sodass du deinen Wert nicht länger darauf aufbaust. Denn nichts wird jemals deinen Wert beweisen können, egal wie gut die BeWERTung auch ausfallen mag. Du bist wertvoller als alles, was du je tun, kreieren oder hinterlassen wirst. Und deine Ressourcen dürfen wieder ihren ursprünglichen Zweck bekommen: Dass sie dir Orientierung im Urwald des Lebens geben und dich in die Verbundenheit zu dir selbst führen. Dass sie für dich da sind und nicht dafür benutzt werden, irgendetwas für andere zu tun. Dass sie dir Freude und Lust am Leben schenken – bei ruhiger See als auch in rauen Gezeiten.
Das wünsche ich mir von Herzen für dich und vielleicht magst du diesen Sommer genau dafür nutzen.
Deine Mira
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