Wenn ich jemanden erklären soll, warum ich mit dem Schreiben begonnen habe und wie es in mein Leben trat, fühle ich mich vor einer großen Herausforderung gestellt. Ich denke mir dann immer: „Nicht ich kam zum Schreiben, das Schreiben kam zu mir.“
In diesem Beitrag möchte ich dir meine Begegnung mit dem Schreiben vorstellen, denn es ist nicht bloß eine nette Freizeitbeschäftigung – Schreiben ist mein atmen.
Ich war schon als kleines Kind sehr emotional und wusste nicht, was ich mit all den Emotionen in mir anstellen sollte. Ich fühlte mich überfordert und unverstanden. Noch dazu war ich sehr feinfühlig und spürte sofort, wenn etwas in der Luft lag – oder dem anderem im Herzen.Ich wusste bloß nicht, wie ich mich abgrenzen sollte und irgendwann wusste ich nicht mehr, was meines ist und was nicht. Ich wusste nicht, wer ich bin und wer ich sein möchte.
Doch eines wusste ich bzw. habe ich gespürt – ich bin anders.
Doch dieses Anders, das hatte niemand verstanden. Eher fühlten sich die Menschen um mich herum durch mich überfordert. So habe ich das Gefühl bekommen, nicht verstanden zu werden. Weil man als Kind durch die Spiegelung von seinen Bezugsperonen erst den Umgang mit Gefühlen lernt, ich aber merkte, dass niemand mit meinen Gefühlen klarkam, konnte ich mich selber nicht verstehen. Ich lernte nicht, wie ich mich selber halten kann, wenn eine Flut an Emotionen mich durchfließt. Ich lernte nicht, dass auch schwere Gefühle wie Trauer und Wut nichts Bedrohliches sind. Was ich lernte war, dass ich zu viel bin. Dass dieser Sturm in mir zu viel ist. Dass alles in und an mir zu viel ist.
Ich griff schon in der Grundschulzeit, nachdem ich das Schreiben gelernt hatte, zu Papier und Stift und schrieb meine eigenen Songtexte. Damit verarbeitete ich den Schmerz in mir. Sie waren oft melancholisch und mein Umfeld brachte mir immer wieder Erstaunen entgegen, wie ich in einem solch jungen Alter so bewegende Themen in Worte formen konnte. Hier habe ich oft zu hören bekommen, ich solle doch auch mal etwas Fröhliches schreiben.
Leider hatte mich nie jemand gefragt, warum ich überhaupt melancholisch schrieb und was genau hinter diesen Worten steckte. Die Melancholie war ein großer Bestandteil meines Innenlebens und das Schreiben war meine Art, es auszudrücken – es war eine Art, mich auszudrücken.
Von da an schrieb ich und das so gut wie jeden Tag. Das Schreiben begleitete mich in meiner Jugend, als ich unter Anorexie und Depressionen litt. Das Schreiben beatmete mein schwachgewordenes Herz (neben der Unterstützung meiner beiden Therapeutinnen – ich fühle große Dankbarkeit!). Es half mir nicht in diesem schwarzen Loch zu versinken, was mich tagtäglich umgab.
Auch heute kann ich mir das Schreiben nicht mehr aus meinem Leben wegdenken. Erst vor einigen Monaten habe ich erkannt, dass es eine heilsame Ressource ist. Es ist meine sichere Insel, auf die ich mich retten kann, wenn mir die Welt zu viel ist – die im Außen, aber auch die in mir. Doch es ist keine Flucht aus dem Leben. Und das ist sehr wichtig.
Ressourcen bringen einen zurück ins Hier und Jetzt und helfen, bleiben zu können, mit dem, was man fühlt. Das Schreiben als Ressource zu nutzen bedeutet, mit dem Herzen zu schreiben und jeden Satz zu fühlen. Es bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, das Geschriebene durchzulesen und jedes Wort in seinem Körper nachzuspüren.
Für mich persönlich bedeutet es auch, überhaupt erst zu erkennen, wie es mir wirklich geht. Nicht selten zeigen mir meine Texte, was gerade in mir los ist und bringen mich ins Fühlen.
Das Schöne ist auch, dass es einen in die Selbstwirksamkeit führt. Denn es ist weniger reagierend und mehr kreierend. Ich schreibe mich in neue Perspektiven hinein, finde Worte des Mitgefühls und der Verständnis für mich und meinen Weg. Ich lasse Traurigkeit und Verzweiflung fließen und ich komme mit mir ins Gespräch. Ich begegne mir selber wertfrei und neugierig. Ich selbst bin es, die mich sieht, mir zuhört, mich versteht. Das Schreiben hat mir gezeigt, wie ich mich selber halten kann. Ich weiß, dass meine Texte mir etwas sagen wollen und seitdem ich nicht bloß alles herausschreibe, sondern auch mit dem Geschriebenen arbeite, komme ich immer mehr in meine wahre Kraft und an die Person heran, die ich im Kern bin und immer schon war.
Das Schreiben hat mir gezeigt – da ist kein zu viel. Weder an mir, noch an dir. Und ich darf Raum einnehmen – erst einmal auf dem Blatt Papier und dann auch in meinem Leben und in Verbindung mit anderen Menschen. Und du darfst das auch.
Wir Menschen haben das starke Bedürfnis in Verbindung zu treten, denn Verbundenheit schenkt uns Sicherheit und ein tiefes Wohlgefühl. Durch das Schreiben kam ich erst mit mir in Verbindung, dann mit dem Leben und schließlich auch mit anderen Menschen – ohne mich in Gefahr zu fühlen.
Es war ein Weg und noch immer ist es ein Prozess. Es ist nur meine persönliche Erfahrung, aber ich glaube wirklich – wir können uns an das Leben heranschreiben, was wir uns erträumen. Vielleicht können wir uns sogar hineinschreiben, wenn wir beginnen, die Worte zu fühlen, die wir aufschreiben und unseren Bedürfnissen wie Wünschen nachkommen, die in unseren Texten sichtbar werden. Wir müssen uns bloß trauen.
Mittlerweile schreibe ich neben Songtexten noch Poetry-Slam-Texte und Gedichte. Du findest sie in meinen Büchern.
Hier kannst kommst du zu meinen Gedichtbänden.
Zudem habe ich mir eine Morgenroutine erschaffen, die mich nährt und mich verbunden mit mir in den Tag starten lässt. Nachdem Weckerklingeln schlage ich direkt mein Journal auf und schreibe intuitiv. Das bedeutet, ich schreibe frei heraus, was in meinem Körper und in meinem Kopf vor sich geht. Dabei gibt es kein richtig oder falsch – es ist ganz egal, was ich schreibe und wie ich es schreibe. Alles darf sein. Alles darf geschrieben und gelesen werden – alles darf gesehen und gefühlt werden. An einigen Tagen beantworte ich auch die Frage: „Liebe Intuition, was möchtest du mir für den heutigen Tag mitgeben?“ Dann übergebe ich meiner Intuition den Stift und lasse sie die Antwort aufs Papier schreiben. Ich bin immer wieder erstaunt über ihre heilsamen und lenkenden Botschaften.
Deshalb nenne ich meine Schreibpraxis auch nicht mehr Journaling, sondern intuitives Schreiben. Denn ich schreibe frei. Zumindest so frei, wie es meine Gedankenmuster zulassen. Schreiben bedeutet für mich Freiheit. Frei ich selbst sein und durch das Schreiben immer mehr erkennen, wer und was dieses Selbst überhaupt ist. Wer bin ich wirklich? – Diese Frage hat mich zum Schreiben geführt. Auch wenn ich es damals, in so jungen Jahren, noch nicht wusste.
Danach meditiere ich – oft mit Entspannungsmusik in den Ohren, noch öfter mit einer mir selbst aufgenommenen Meditation, in der ich mich selber führe. Ich liebe es, mir Meditationen aufzunehmen, die zu meiner aktuellen Lebenslage passen. So kann ich gut für mich sorgen.
Da ich auch als Lehrerin an einer Regelschule gearbeitet habe, weiß ich, was für Vorstellungen viele Menschen vom Schreiben haben. Dabei geht es beim intuitiven und meditativen Schreiben niemals darum, grammatisch oder orthographisch richtige Sätze zu formulieren, sondern Sätze zu bilden, die deinem Inneren entspringen. Es geht auch nicht darum, den perfekten Spannungsbogen zu haben oder ein bestimmtes Genre zu vertreten. Es kommt auch nicht darauf an, wie ordentlich deine Handschrift ist oder wie wunderschön dein Journal gestaltet ist.
Auf den Punkt gebracht formuliert, geht es um DICH. Es geht um deine inneren Prozesse, um deine Gefühle und Gedanken, um das, was dich tagtäglich bewegt. Es geht um DICH in DEINER ECHTESTEN VERSION. Daran kann niemals irgendetwas falsch sein.
Ich wünsche dir und jedem Menschen die Erfahrung, mit dieser Version in Verbindung zu sein.
Alles Liebe zu dir
deine Mira
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