Kennst du diesen Ratschlag? „Fühl einfach, was da ist.“ Er klingt so simpel und genau das ist das Problem. Denn was ist, wenn es einem schwer fällt, zu fühlen und man sich doch immer wieder im Kopf wiederfindet? Darum geht es in diesem Artikel.
Leicht genervt scrolle ich durch meinen Instagram-Feed. So wie es meinem eigenen Schwerpunkt entspricht, bin ich natürlich in der Nervensystem-Bubble unterwegs und mittlerweile halte ich mich immer weniger gerne in ihr auf. Jeder zweite Beitrag gibt mir den Rat, ich müsse einfach nur fühlen. Die Angst fühlen. Die Panik fühlen. Die Enge fühlen. Den Schmerz fühlen. Nicht denken, nicht analysieren, nicht eine Lösung suchen, sondern… Na ja, einfach fühlen halt.
Dann bin ich mit einer Freundin unterwegs und sie erzählt mir, dass sie sich gerade von allem überfordert fühlt. Selbst das unerwartete Klingeln des Postboten bringt sie so sehr aus der Balance, dass sie danach eine halbe Stunde braucht, um wieder zurück auf Spur zu finden. Da sie weiß, was ich beruflich mache, schaut sie mich erwartungsvoll an.
„Du musst einfach nur fühlen, was da ist“, liegt es mir auf der Zunge. Ein Glück kann ich mich noch rechtzeitig bremsen. Es kann ja nicht sein, dass ich jetzt auch noch wie ein Instagram-Beitrag klinge und die gleichen lahmen Ratschläge heraushaue.
Stattdessen frage ich: „Wo im Stresstoleranzfenster würdest du dich aktuell verorten? Oberhalb? Unterhalb? In der Mitte? Oder schon oben über dem Fenster hinaus?“
Vielleicht hast du dich auch schon gefragt, ob du einfach einen zu schwachen Willen hast, weil es dir nicht gelingt, alles zu fühlen. Vielleicht bist du auch bereits zu dem Entschluss gekommen, dass Fühlen eine Fähigkeit ist, die du einfach nicht beherrschst und du hast es dir zur Aufgabe gemacht, sie zu erlernen.
Vielleicht hast du dich auf dein Sofa gesetzt – mit der Angst, mit der Wut, mit der Überforderung. Während du da saßt, kamen die Gedanken. Du erinnertest dich an die ungeputzen Fenster, die endlich geputzt werden mussten, an den Müll, der endlich heruntergebracht werden musste, an die E-Mails, die in deinem Postfach auf dich warteten und an die Sprachnachricht deiner Freundin, die du noch immer nicht abgehört hattest Und das Gefühl? Es saß nicht mehr neben dir, sondern war schon längst aufgestanden.
Gefühle kommen nicht mit Druck und wir können auch nicht mit dem Verstand an sie herangehen. Jedes Sitzen mit deinen Gefühlen ist zwecklos, wenn du dabei nur in deinem Kopf abhängst. Und doch ist es oft nicht leicht, in den Körper zu gehen. Nicht, weil da keine Verbindung zwischen dir und ihm besteht, sondern weil diese Verbindung beeinträchtigt ist.
Nicht selten versucht unser Nervensystem uns vor Gefühlen zu schützen, die bestimmte Körperempfindungen in uns auslösen. Die Bilder aus der Vergangenheit heraufbeschwören. Die ganze Glaubenssysteme in uns aktivieren. Unser System hat das Gefühl, dem nicht standhalten zu können und möchte uns vor Überflutungszuständen schützen.
Anstatt zu fühlen, versuchen wir dann, diesen Zuständen aus dem Weg zu gehen. Dafür entwickeln wir Coping-Strategien. Emotionales Essen, exzessiver Sport, übermäßiger Medienkonsum, Anhäufen von unzähligen Arbeitsstunden, stundenlanges Analysieren von Verhaltensweisen anderer und so weiter. Vielleicht magst du hier einmal kurz innehalten und dich fragen: Was ist deine? (Ohne Anklage, nur als liebevolle Forscherin.)
Die Aussage „Lass alles andere sein und fühle einfach.“ behandeln diese Strategien wie Hindernisse, dabei sind sie Schutz. Sie sind also kein Problem, sondern ein Lösungsversuch und entstanden in einem Moment großer innerer Not.
Im Kern sind sie also für dich, denn kein Mensch entwickelt eine Schutzstrategie aus Spaß. Jede Strategie erfüllt oder erfüllte eine Funktion. Und wenn dich dein Nervensystem noch vor einem Gefühl schützt, dann lohnt es sich, dort tiefer zu forschen.
Als ich unter einer Essstörung litt, wurden oft diese Sätze zu mir gesagt: „Iss doch einfach mehr.“ „Essen ist doch so schön.“ „Essen ist wichtig.“ „Du musst es einfach nur wollen.“
Diese Sätze greifen viel zu kurz, denn nicht das Essen allein ist das Problem. Es geht um die Dynamiken, dir dadrunter liegen – die Ängste, die Scham, der Ekel, die inneren Bilder, die Glaubenssätze, die Körperempfindungen.
Genau so kann auch der Satz „Fühl einfach.“ an der Oberfläche bleiben und zwar nicht, weil es nicht wichtig wäre, sondern weil die Kapazität dafür fehlt. Es geht also weniger darum, dass das Ziel nicht stimmt (Essen zu können und seinen Körper zu nähren, alle Gefühle fühlen zu können und in die Regulation zu finden), sondern was fehlt, ist der Weg dorthin.
Als ersten Schritt auf deinem Weg wäre es hilfreich, das eigene Stresstoleranzfenster kennenzulernen und zu erforschen, um ein Gefühl für dich und deine Zustände zu bekommen. Dann geht es darum, mehr innere Kapazität aufzubauen – dein Stresstoleranzfenster also zu weiten, damit du nicht so schnell aus ihm heraus kippst.
Es geht weniger darum, nie wieder Stress, Aktivierung oder Erstarrung zu spüren, sondern nicht so lange in diesen Zuständen festzusitzen, weil du schneller wieder in deine Balance zurückfindest. Daraus kann sich eine innere Sicherheit und das Selbstvertrauen entwickeln, mit jeder Herausforderung – und jedem Gefühl – umgehen zu können.
Herangehensweisen, um deine Kapazität auszubauen, sind:
Wenn es noch schwer fällt, dem Gefühl im eigenen Körper zu begegnen, können wir damit anfangen, ihm erst einmal auf dem Blatt Papier zu begegnen. Wenn wir unserem Zustand erst einmal Worte geben, bevor wir ihn fühlen, kann es eine gesunde Distanz schaffen, durch die wir uns weniger mit diesem Gefühl identifizieren.
Genau dadurch kann es uns möglich werden, das Gefühl zuzulassen und es neugierig zu erforschen. Gerade kreative Schreibimpulse können etwas Leichtigkeit und Freude in diesen Prozess bringen und den Druck rausnehmen, den wir oder die Nervensystem-Bubble uns machen.
Darüber hinaus ist es bei mir auch oft so, dass ich ein Gedicht schreibe und dann durch meinen Text erst erkenne, welches Gefühl gerade da ist und wie es mir gerade wirklich geht. Dann geht es nicht darum, zu analysieren, sondern wahrzunehmen, anzunehmen und durch die Frage „Wo in meinem Körper spüre ich meinen Text?“ in den Körper zu kommen.
Denn alles fühlen zu können, ist kein Ziel, sondern ein Prozess.
Du musst nicht lernen, zu fühlen. Das kannst du. Das ist eine Fähigkeit, die ganz natürlich in dir angelegt ist. Vielmehr darfst du üben, sicherer in dir selbst zu werden, um in deinem Körper präsent zu bleiben und alles fühlen zu können. Denn Fühlen geht nur im Hier und Jetzt.
So wird das Fühlen nicht zu einer weiteren Aufgabe, die wir erfüllen müssen, sondern zu einer natürlichen Fähigkeit, die unsere Verbindung zu uns selbst und zu unserem Leben stärkt.
So much love, deine Mira
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