Was gibt uns Sicherheit?
Ist es ein stabiles Einkommen, eine Beziehung, eine gemütliche Wohnung, eine klaren Lebensplan? Oder ist Sicherheit etwas, das wir fühlen – unabhängig davon, wie stabil das Außen gerade ist?
Viele Menschen suchen Sicherheit im Außen: in Alltagsstrukturen, Zahlen auf dem Konto, Zusagen bei der Arbeit, Bestätigung in Beziehungen. Und doch erleben sie trotz all dieser Beweise innere Unruhe und das Gefühl, dass nichts davon gut genug ist.
Andere wiederum stehen mitten im Umbruch und unterwerfen ihr Leben immer wieder dem Wandel, während sie innerlich ruhig bleiben und eine leise, tragende Stabilität in sich spüren.
Vielleicht ist Sicherheit also weniger ein Zustand der Umstände und mehr ein Zustand des Nervensystems. Vielleicht beginnt sie nicht im Außen, sondern im eigenen Körper.
Sicherheit wird oft mit Kontrolle gleichgesetzt und mit Planbarkeit, Beständigkeit und Garantien versucht herzustellen.
Doch es gibt mindestens zwei Ebenen von Sicherheit: Die objektive Sicherheit und die verkörperte, die tief im eigenen Körper verankert ist. Oder anders gesagt: Die äußere Sicherheit und die innere.
Objektive Sicherheit lässt sich messen, z.B. durch Zahlen Verträge, Besitz und Strukturen.
Verkörperte Sicherheit hingegen entsteht im Inneren. Sie entsteht, wenn unser Nervensystem nicht im Alarm ist. Wenn der Körper sich verbunden fühlt und wenn wir in vollkommener präsent in uns sind.
Genau hier beginnt die Differenzierung.
Es ist mir wichtig, zu sagen, dass beide Formen der Sicherheit in unserem Leben wichtig sind. Wenn uns Sicherheit durch finanziellen Mangel fehlt oder wir kein Dach über den Kopf haben, ist es absurd, ausschließlich an dem Gefühl der inneren Sicherheit zu arbeiten. Existenzängste sind wohl eine der schlimmsten Formen von Ängsten und definitiv nicht kleinzureden.
Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass du ein sicheres sowie warmes Zuhause hast und über ein stabiles Einkommen verfügst. Dann kann ein äußerer Beweis von Sicherheit (z.B. durch ein noch höheres Einkommen) unser Nervensystem nur begrenzt beruhigen, weil wir ihn gar nicht richtig spüren. Zudem kommt hinzu, dass viele von uns in ihren frühen Jahren gelernt haben, dass äußere Stabilität brüchig ist. So wird uns immer eine gewisse Unsicherheit begleiten, egal wie sicher wir scheinbar im Außen sind.
Innere Sicherheit bedeutet nicht, sich einzureden, das nichts passieren wird oder dass immer alles gut gehen wird. Sich in sich selbst sicher zu fühlen bedeutet, dass wir so sehr in uns und unsere Ressourcen vertrauen, dass wir allem ehrlich begegnen können. Dass wir bereit sind, für uns loszugehen, egal was auf uns zukommen wird, weil wir tief in uns spüren, dass wir stark genug sind. Stark genug, hindurchzugehen. Stark genug, Schmerz halten zu können. Stark genug, nach jedem tiefen Tal wieder beherzt lachen zu können.
Es ist also nicht ein: „Ich mache das jetzt, weil nichts schiefgehen wird.“ Es ist ein: „Ich werde mich hindurchtragen, wenn etwas Herausforderndes geschieht.“
Erst wenn dein Nervensystem den Zustand von Sicherheit kennt, ist es dir möglich, alle Gefühle fühlen zu können. Vorher wirst du dich wahrscheinlich überfordert fühlen oder das Gefühl haben, negative Gefühle nicht aushalten zu können. Also läufst du vor ihnen weg, indem du sie unterdrückst oder dich ablenkst. Ich möchte dir das hier nicht unterstellen oder dir ein Gefühl von „selbst Schuld“ geben, sondern ganz im Gegenteil: Das passiert von ganz automatisch. Eben weil dein Nervensystem sich nicht sicher fühlt und es sich deshalb schützen möchte. Es sieht diese intensiven Gefühle als Gefahr an.
Doch genau diese Gefühle sind dein Weg zu mehr innerer Sicherheit. Wenn dein System merkt, dass es diese Emotionen nämlich doch halten kann, dann legt es den Schutzmodus ab und du kannst alles fühlen – egal, ob leise oder laut, egal ob schwach oder intensiv. Dann dürfen Freude und Dankbarkeit genauso viel Raum bekommen wie Trauer, Wut und Schmerz. Denn du kannst all das halten.
Doch ich möchte dir nichts vormachen. Das geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Wiederholung braucht. Und nicht selten individuelle, traumasensible Begleitung. Denn so wie du damals in der Schule mühsam das Ein-Mal-Eins gelernt hast, muss auch dein Nervensystem das Gefühl von innerer Sicherheit erst neu erlernen.
Das bedeutet: Üben, üben, üben.
Erinnere dich an eine Situation, in der du dich zuletzt sicher gefühlt hast. Wo warst du? Mit welchem Menschen warst du zusammen oder warst du alleine? Wo in dir hast du das Gefühl der Sicherheit am stärksten gespürt? Versuche einmal, das Gefühl bewusst zu spüren.
Führe dann diese Sätze fort:
Wenn mein Gefühl der Sicherheit eine Farbe hätte, wäre es…
Wenn mein Gefühl der Sicherheit einen Satz zu mir sagen würde, würde er lauten…
Wenn sich das Gefühl der Sicherheit in meinem Alltag ausbreiten dürfte, wäre mir möglich…
Vielleicht magst du dir auch ein Symbol suchen und den Tag über bei dir tragen, was dich an dieses Gefühl tief in dir erinnern darf.
Alles Liebe zu dir,
deine Mira
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