Stärke dein Nervensystem: Schreiben als Ressource

Einleitung

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich mich nicht raus traue.
Ich habe mich bei der Arbeit krankgemeldet. Ich habe sogar das Telefonat mit einer Freundin abgesagt, dabei müsste ich dafür nicht einmal rausgehen.

Also ist heute vielleicht sogar einer dieser Tage, an denen ich gar nicht gehen kann. Oder so allgemein gar nichts kann.
Aber so richtig stimmt das auch nicht.

Ich kann schreiben.

Und mit jedem geschriebenen Wort kann ich etwas freier atmen.
Also schreibe ich heute einfach nur und vielleicht kann ich morgen dann wieder rausgehen. Oder übermorgen.


Schreiben als Ressource

Früher hätte ich solche Tage als schlecht bezeichnet und Angst gehabt, dass es jetzt eine sehr lange Zeit so bleibt. Ich hätte mich dafür geschämt, nicht weiter funktionieren zu können und mich zurückzuziehen, obwohl ich gebraucht werde.

Heute weiß ich: Ja, ich werde gebraucht – vor allem von mir selbst.

Solche Tage sind keine Niederlage, sondern ein Zeichen meines Nervensystems, dass es lange viel getragen hat und überfordert ist. Dass es eine Pause braucht – schon längst – und ich die Signale einfach viel zu lange achtlos zur Seite gewischt habe.

Ich weiß, dass mein Körper nicht gegen mich arbeitet, sondern versucht, mich vor weiterer Überforderung zu schützen. Dafür versucht er Sicherheit herzustellen und die eigene, gemütliche und altbekannte Wohnung ist nun einmal ein sicherer Ort. Hier wartet nichts Unbekanntes auf einen. Und wenn man erst keine Gespräche mit anderen Menschen führt, kann man sich auch nicht urplötzlich in unangenehmen Situationen wiederfinden.

Durch Immobilität und Stille versucht das Nervensystem erst einmal mit dem klarzukommen, was bereits in einem aktiv ist.

Genau hier kann das Schreiben zu einer Ressource werden.

Nicht, weil es etwas „löst“ oder „repariert“, sondern weil es einem erlaubt, da zu bleiben. Beim Erleben. Im Körper. Und durch jedes Da-Bleiben lernt das System: Ich bin sicher.

Genau da beginnt Nervensystemregulation.

Was ich meine, wenn ich von einer Ressource spreche

Vielleicht fragst du dich gerade, was genau eine Ressource überhaupt ist.

Ich verstehe darunter etwas, das uns bei Überforderung Halt gibt. Es führt uns zurück in unseren Körper und in die vollkommene Präsenz. Wir verlaufen uns nicht weiter in Gedankenchaos, Sorgen, Taubheit oder alten, starken Körperreaktionen.

Eine Ressource kann einem Orientierung geben und zurück ins Jetzt holen, wodurch der Körper spürt, dass alles gut ist. Dass er wieder sicher ist und sich entspannen darf.

Es ist also nichts, das etwas wegmacht oder unterdrückt, sondern vielmehr alles in uns da sein lässt, wodurch es sich verändern kann. Es bringt uns wieder in Kontakt – mit unserem Körper, mit unserem Atem, mit uns selbst.

Eine Ressource muss nichts Großes sein. Manchmal ist es einfach ein Moment in der Natur, in dem wir uns verbunden mit der Welt fühlen. Oder eine warme Tasse Tee, die Wärme in unseren Körper entstehen lässt.

Eine Ressource lässt Momente entstehen, in denen wir bleiben können, statt innerlich wegzugehen.
Und genau so erlebe ich das Schreiben.

Warum Schreiben reguliert

Während wir schreiben, verlangsamt sich etwas in uns. Gedanken bekommen eine Form, Gefühle einen Raum und das Nervensystem ein kleines Stück Orientierung.

Durch das Schreiben kann ein Ort entstehen, an dem alles nach außen fließen darf. Wir bringen innere Zustände in Worte und genau dadurch entsteht Struktur, die unserem Nervensystem hilft, ein wenig Sicherheit zu empfinden. Nicht, weil jetzt wieder alles gut ist, sondern weil es erkennt: Das ist gerade los.

Und indem du über das schreibst, was gerade los ist, fühlt dein Körper sich dem weniger ausgeliefert. Er lernt, dass er all das halten kann. Zudem bringst du ein wenig Abstand zwischen dir und deinem inneren Erleben. Du kannst deine Gefühle aus der Beobachterperspektive betrachten und auch das kann helfen, dich weniger von ihnen überflutet zu fühlen.

So reicht schreiben manchmal aus für: Ein bisschen mehr atmen. Ein bisschen mehr Halt. Ein bisschen mehr bei einem selbst sein.


Wie du mit dem Schreiben anfangen kannst, wenn du dich erschöpft fühlst

An solchen Tagen fühlt sich manchmal selbst Schreiben nach zu viel an. Vielleicht hast du auch das Gefühl, du müsstest etwas Sinnvolles schreiben. Etwas, das gut ist. Etwas, das etwas bringt.

Genau diese Gedanken machen es noch schwerer, ins Schreiben zu finden.

Deshalb darf Schreiben hier etwas ganz anderes sein. Es darf wirr sein. Leise. Unfertig. Ohne Ziel.

Du könntest genau dort anfangen, wo du gerade bist:
„Ich weiß gerade nicht, was ich schreiben soll.“
„Mir fehlt der Anfang. Ich fühle nur Enden.“
„Ich weiß gerade nichts.“
„…“

Manchmal reicht schon ein ehrlicher Satz und du kommst in den Flow.
Wenn nicht, kannst du gerne diese Satzanfänge nutzen:
„Wenn ich wüsste, was ich schreiben könnte, dann würde ich schreiben, dass…“
„Ich erinnere mich an…“
„Das in mir trägt die Farbe…“
„Wenn die Schwere in mir eine Landschaft wäre,…“
„Da ist ein Gefühl, das…“

Du musst nichts erklären. Nichts lösen. Nichts verstehen. Du darfst einfach beschreiben.

Vielleicht merkst du irgendwann, dass sich etwas verändert und dass dein Atem ein bisschen tiefer wird. Vielleicht werden auch deine Gedanken klarer oder du spürst, wie ein kleines bisschen mehr Raum in dir entsteht.

Und wenn nicht, ist auch das in Ordnung.
Dann war das Schreiben trotzdem ein Moment, in dem du dir selbst begegnet bist.
Und das ist wertvoll.

Aller liebste Grüße,
deine Mira

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